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Vollständige Version anzeigen : Bug-Rollen-Rettung


Udo Beier (DKV)
10.10.2007, 20:46
Ahoi!

Im SEA KAYAKER (Oct. 2007) stellt John Martin in dem Beitrag:

„Bow Roll Rescue“

eine neue Rettungsmethode vor, die nach einer Kenterung ohne Ausstieg anzuwenden ist.

Bislang bot sich dafür die „Eskimo-Rettung“ an, bei der der „Kenterbruder“ nach einer Kenterung in seinem Seekajak sitzen bleibt und wartet, bis sein Retter mit Kajak zu ihm hinübereilt, und zwar so, dass der „Kenterbruder“ sich irgendwo am Kajak des Retters (z.B. Bug oder Flanke) wieder hoch in die aufrechte Lage ziehen kann.

Bei der „Bug-Rollen-Rettung“ eilt nun der Retter mit seinem Kajak zum Bug des Kajaks des „Kenterbruders“, der nach seiner Kenterung ebenfalls unter Wasser in seinem Kajak sitzen geblieben ist, und nun darauf wartet, gerettet zu werden. Der Retter packt den Bug des gekenterten Kajaks und dreht den Bug mit ein paar Griffen, die gezielt die Hebelwirkung der Arme ausnutzen, so herum, dass das Kenterkajak um seine Längsachse dreht, bis dass der „Kenterbruder“ wieder aufrecht im seinem Kajak sitzt.

In dem Beitrag werden die einzelnen Griffe, die der Retter am Bug des Kenterkajaks ansetzen muss, um den „Kenterbruder“ wieder hochzurollen, mit Text und Bild erläutert. Weitere Infos hierzu finden wir auf der Homepage:

www.bowrollrescue.com (http://www.bowrollrescue.com) bzw. www.seakayakermag.com (http://www.seakayakermag.com)

Leider wird nur so ganz nebenbei in einem Foto gezeigt, wie bei der Rettungsaktion sich der „Kenterbruder“ zu verhalten hat, nämlich er muss – wie bei der Eskimorolle - beim Hochdrehen durch den Retter versuchen, seinen Schwerpunkt möglichst dicht über sein Kajak legen (z.B. indem er sich weit nach vorne beugt oder weit nach hinten legt).

Ob die „Bug-Rollen-Rettung“ wirklich – wie es der Autor behauptet - leichter funktioniert als die „Eskimo-Rettung“, möchte ich bezweifeln. M.E. kann Seegang nicht nur die Ausführung der „Eskimo-Rettung“, sondern auch die der „Bug-Rollen-Rettung“ behindern.

Dennoch sollten wir beide Rettungsmethoden üben und den angehenden „Kenterbrüdern“ zu verstehen geben, dass je nach Situation entweder die eine oder andere Methode angewendet werden kann.

Am besten vorbereitet ist ein „Kenterbruder“ dann auf beide Methoden, wenn er nach einer Kenterung sich nach vorne beugt, seine Hände um den Rumpf seines Seekajaks legt und auf Rettung wartet: d.h. entweder wird er anschließend durch einen Retter hochgedreht (hier: „Bug-Rollen-Rettung“) bzw. ihm bietet der Retter seine Bootsflanke, an der er sich dann selber hochziehen kann (hier: „Eskimo-Rettung“).

Übrigens, werden beide Rettungsmethoden nicht vorher geübt, wird kaum eine Chance bestehen, diese erfolgreich einzusetzen, da in beiden Fälle der „Kenterbruder“, der nicht rollen kann, gleich nach seiner Kenterung aussteigen wird. Steigt er jedoch aus irgendeinem Grund nicht aus (z.B. Panik, Schock; Bewusstlosigkeit; Spritzdecke lässt sich nicht öffnen), haben wir jedoch u.U. mit der „Bug-Rollen-Rettung“ eine größere Chance, den Kenterbruder hochzudrehen. Da diesem jedoch mangels vorherigem Training nicht bewusst ist, während der „Rollphase“ seinen Oberkörper weit nach vorne oder nach hinten zu legen, wird der Retter große Probleme haben, den „Kenterbruder“ hochzudrehen. Aber vielleicht genügt es ja auch, ihn nur wieder an die Wasseroberfläche zu drehen, sodass z.B. ein zweiter Retter sein Kajak parallel zum Kenterkajak legen und den „Kenterbruder“ hochziehen bzw. an der Wasseroberfläche solange halten kann, bis weitere Retter zu Hilfe kommen.

Gruß aus Hamburg:

KajakFun
10.10.2007, 22:28
Es fehlt im Video nur noch der griffbereite Schnorchel :D
Eine nicht sehr erfolgversprechende Methode
Hauptnachteil: Der Bugmann kann mangels Hebelwirkung nur ein geringes Aufrichtmoment aufwenden.
Bei der Eskimorettung sind die Hebelverhältnisse hingegen optimal.

Holger F
11.10.2007, 08:59
Hallo KajakFun,


....
Hauptnachteil: Der Bugmann kann mangels Hebelwirkung nur ein geringes Aufrichtmoment aufwenden.
Bei der Eskimorettung sind die Hebelverhältnisse hingegen optimal.
Die Hebelwirkung ist größer als Du glaubst. Bei Kenterspielen nutzen wir den Griff um einen Tandemkanadier umzuwerfen.

Gruß

Holger

Udo Beier (DKV)
11.10.2007, 17:09
Ahoi!

Die Knackpunkt bei all diesen Rettungsmethoden ist, dass sie auch bei jenen Bedingungen funktionieren müssen, bei denen bekanntermaßen die Kentergefahr am größten ist. ... und das beginnt bei Wind ab 5 Bft.

Bei einer Tour unter solchen Gewässerbedingungen mussten wir mal jemanden, die nicht mehr die Kraft zum Vorwärtspaddeln hatte, schleppen. Zum Glück war ich nicht Fahrtenleiter und konnte so die Verantwortung erst einmal weiterleiten. Ich war schon beeindruckend zuzuschauen, wie er mal 1,5 m über dem Bug, mal 1,5 m unter dem Bug der "Schleppschwester" versuchte, nur den Schlepphaken am Toggle zu befestigen, geschweige denn, mit beiden Armen diesen Bug zu umarmen.

Dennoch halte ich es für sinnvoll, auch diese "BuG-Rollen-Rettung" ins Trainingsprogramm von Rettungsübungen mit aufzunehmen:

Zum einen, weil es ja sein kann, dass wir als "Retter" - aus welchen Gründen auch immer - uns gerade am Bug des Kajaks unseres "Kenterbruders" befinden.:D
Und zum anderen, was machen wir denn, wenn der "Kenterbruder" nicht aussteigen und auftauchen kann?:eek:Gruß aus Hamburg:

KajakFun
11.10.2007, 22:32
Hi Holger,
umschmeissen geht ja auch wesentlich leichter ;)
Ich glaube nicht, dass ich einen 85 kg Mann, der wie ein nasser Sack in der Luke hängt, durch blosses Drehen an der Bootsspitze aufrichten könnte.

Wahrscheinliches Szenario:
- Der Gekenterte tankt hektisch Luft und versucht so schnell wie möglich Kopf + Körper aus dem kalten Wasser zu bekommen. :D
Dabei zieht er mit dem Körpergewicht (nun ohne Auftrieb) das halb aufgerichtete Boot wieder runter. :(
- Wenn der Helfer die Bootsspitze zuerst umarmen muss um genügend Drehmoment entwickeln zu können, dann muss er sich auf Wasserniveau hinablehnen und dabei das eigene Boot stark ankanten (siehe Video). Das kann auch nicht jeder :eek: und nicht jedes Kajak hat so eine schöne lange Hebelnase zum drehen. ;)
- Bei Seegang rammt sich der Helfer die Bootsspitze in die Rippen oder er braucht eine dicke Schwimmweste plus Vollvisier.
- Es ist auch unrealistisch anzunehmen dass innerhalb von max. 30-40 Sekunden die Kenterung sofort bemerkt wird :rolleyes: ,
- ein geeigneter Mitfahrer einen Abstand von <50 m hat um in diesem engen Zeitrahmen überhaupt Hilfe leisten zu können
- der heranpreschende Helfer aus voller Fahrt beim ersten Griff gleich die Spitze erwischt.

Holger F
12.10.2007, 05:13
Hi KajakFun,

Hi Holger,
umschmeissen geht ja auch wesentlich leichter ;)
Ich glaube nicht, dass ich einen 85 kg Mann, der wie ein nasser Sack in der Luke hängt, durch blosses Drehen an der Bootsspitze aufrichten könnte.
.
oh, ich glaube, meine Antwort ist viel zu weitgehend ausgelegt worden. Ob die Technik gut oder schlecht geht, kann ich gar nicht beurteilen. Mir ging es nur darum, dass die Kräfte, die Du an der Spitze aufbringen kannst deutlich größer sind als die Meisten glauben. Ob es zur Rettung reicht, kann ich nicht beurteilen. Was ich aber aus der Erfahrung des Umdrehens in die andere Richtung :D sagen kann, ist dass das Moment, dass Du ausüben kannst, ganz entscheident von der richtigen Technik abhängt und dann wie geschrieben durchaus größer als erwartet ist.

Gruß

Holger